- Food First Informations- und Aktions-Netzwerk Berlin - http://www.fian-berlin.de -

Fragen und Antworten zum UN Food Systems Summit am 23. September

WAS SIND ERNÄHRUNGSSYSTEME?
Nahrungsmittel sind nicht nur das, was wir essen. Zu Nahrungssystemen zählen auch unsere Kultur, unsere Wirtschaft und die Umwelt. All dem zollt der Begriff der Ernährungssysteme Anerkennung.
Ernährungssysteme können unterschiedlich aussehen: Es gibt lokale, bäuerliche oder indigene Systeme mit kleinen Nahrungsmittelproduktionen, die in territorialen Märkten verwurzelt sind. Andererseits gibt es globale industrielle Ernährungssysteme, denen lange Wertschöpfungsketten zu Grunde liegen und die von großen Konzernen dominiert werden. HABEN ERNÄHRUNGSSYSTEME BEI ALLEN, DIE DARÜBER REDEN, DIE GLEICHE BEDEUTUNG?
Kurz gesagt, nein. Der Begriff Ernährungssysteme ist gerade im Trend und ist viel ganzheitlicher, als wenn wir über die bloße Steigerung der Nahrungsmittelproduktion sprechen.
Das gewöhnliche Verständnis von Ernährungssystemen ist jedoch kaum mehr als ein Rebranding; der Begriff wird zur Stärkung des dominanten, industriellen Systems verwendet, anstatt wirklich die Ursachen von Hunger und dem ökologischen Kollaps zu berücksichtigen. Er verkennt dabei die Vielfalt all der verschiedenen Ernährungssysteme, die es gibt.
Leider ist der UN-Welternährungsgipfel in diese Falle getappt. WARUM WIRD DER WELTERNÄHRUNGSGIPFEL KONTROVERS DISKUTIERT?
Die Vereinten Nationen sind das internationale Gremium, in dem Regierungen globale Themen diskutieren. Sie haben den Gipfel organisiert, um politische Prioritäten und Maßnahmen zum Aufbau gerechterer, gesünderer und nachhaltigerer Ernährungssysteme neu auszurichten.
Der Gipfel ist jedoch so organisiert, dass diese Ziele nicht erreicht werden können. Echte Lösungen zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit und zum Umweltschutz treten hinter die Interessen mächtiger Konzerne zurück. Methoden wie die Agrarökologie, die die Vitalität traditioneller, indigener Praktiken anerkennen und die Selbstversorgung der Gemeinschaften bei gleichzeitiger Erhaltung der Artenvielfalt aufrechterhalten, wurden ausgeklammert. WER IST FÜR DEN GIPFEL VERANTWORTLICH?
Mächtige Regierungen des globalen Nordens und große Konzerne steuern den Gipfel, auch wenn dies nicht offensichtlich ist. Der Gipfel wurde kurz nachdem die Vereinten Nationen eine strategische Partnerschaft mit dem Weltwirtschaftsforum (WEF) unterzeichnet hatten initiiert. Die Präsidentin der Allianz für eine grüne Revolution in Afrika (AGRA) wurde zur Sonderbeauftragten des Gipfels ernannt.
Andere konzerngetriebene Plattformen wie der World Business Council for Sustainable Development (WCBSD), Multi-Stakeholder-Initiativen wie die Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN), führende industrienahe philanthropische Organisationen wie Rockefeller, Gates und EAT, internationale Nichtregierungsorganisationen wie der World Wildlife Fund (WWF) und Care sowie konzernfreundliche Wissenschaftler*innen haben ebenso eine wichtige Rolle im Gipfelprozess gespielt. DIE ORGANISATOREN HABEN VON EINEM PARTIZIPATIVEN GIPFEL GESPROCHEN: STIMMT DAS NICHT?
Leider nein.
Wenn über einen öffentlich zugänglichen Link die Teilnahme an Sitzungen geschaffen wird, wo jeder „teilnehmen“ und „mitmachen“ kann, ist der Gipfel partizipativ ausgerichtet, allerdings mit einem sehr eingeschränkten Verständnis von Partizipation. Dabei wird ignoriert, dass die verschiedenen Akteure ein unterschiedliches Level von Macht genießen und auch verschiedene Interessen, Rechte und Pflichten haben. Der Menschenrechtsansatz stellt die meistbetroffenen Menschen in den Mittelpunkt der Entscheidungsfindung und zieht Regierungen und Konzerne für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft. Dies ist jedoch nicht der Ansatz des Gipfels. WARUM IST ES SO PROBLEMATISCH, DASS KONZERNE IM MITTELPUNKT DES GIPFELS STEHEN?
Es ist kein Problem, dass Konzerne auf der Konferenz anwesend sind; sie sind ein Teil des Ernährungssystems. Das Problem ist, dass der Gipfel nach den Interessen großer Konzerne ausgerichtet ist, und zwar auf Kosten der Rechte der Menschen, die am stärksten von Hunger, Ernährungsunsicherheit und Unterernährung betroffen sind – darunter vor allem kleine Nahrungsproduzent*innen sowie Arbeiter*innen im Landwirtschafts- und Nahrungsmittelsektor. ABER IST ES NICHT NUR EIN EINMALIGES EVENT? WARUM SIND DIE MENSCHEN SO AUFGEBRACHT?
Der UN-Welternährungsgipfel ist leider kein einmaliges Event. Der Gipfel ist ein Versuch, den Weg der Ernährungspolitik für die kommenden Jahrzehnte festzulegen. Er wird das Narrativ verändern, die Rahmenbedingungen schaffen und die Finanzierung für die kommenden Jahre steuern.
Die Vorbereitungen für den Gipfel laufen seit 2019 und schaffen neue Strukturen, die die bestehenden Mechanismen umgehen, mit denen die Zivilgesellschaft Einfluss auf die Regierungen nehmen kann. Durch diese neuen Strukturen können die Konzerne ihre Kontrolle über die Steuerung (Governance) der Ernährungssysteme noch weiter ausbauen. WAS MACHEN GRUPPEN GEGEN DEN UN-WELTERNÄHRUNGSGIPFEL? 
Über 300 soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Organisationen aus der ganzen Welt haben die Autonomous People's Response to the UN-Food Systems Summit gegründet. Während des UN-Vorgipfels Ende Juli 2021 organisierten sie Gegenaktionen (online und in Präsenz), um sich gegen die Agenda des Gipfels auszusprechen und die Arbeit der letzten sieben Jahrzehnte zu verteidigen, die die UN für den Aufbau eines multilateralen, demokratischen und zivilgesellschaftlichen Raums für Menschenrechte geleistet hat. WAS KANN ICH TUN?
Ein erster Schritt ist zu verstehen, wie die Ernährungssysteme uns alle miteinander verbinden. Dieser Gipfel wird sich direkt auf unseren Zugang zu Nahrung auswirken; was angebaut wird, wie es angebaut wird und ob wir in der Lage sein werden, alle Menschen auf dem Planeten zu ernähren. Im nächsten Schritt können Sie Ihre Regierung auffordern, öffentliche Politikbereiche vor dem Einfluss von Konzernen zu schützen.
Und zuletzt teilen Sie ihr Wissen auf sozialen Medien. Das schlimmste Ergebnis wäre, wenn dieser Gipfel in den Medien nicht herausgefordert wird. Wir müssen uns dem Unternehmenszugriff (Corporate Capture) widersetzen und weiterhin für die Stärkung unserer kommunalen und öffentlichen Institutionen auf allen Ebenen kämpfen, damit die Ernährungssouveränität gedeihen kann.

Original-Artikel unter fian.de [1]